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25.11.2016

»Lesen ja, aber nicht während der Bücherschau.«

»Lesen ja, aber nicht während der Bücherschau.«

Rosanna di Gennaro ist eine von neun Projektleiterinnen und Projektleitern im Gasteig, die im Jahr mehr als 1700 Veranstaltungen organisieren. Seit 1990 betreut sie die Münchner Bücherschau.

 

Bei der Münchner Bücherschau im Gasteig sind Sie von Anfang an dabei. Wie kam es dazu?
Rosanna di Gennaro: Die Bücherschau gibt es seit 57 Jahren, der Termin lag schon immer in den letzten zweieinhalb Wochen im November. Seit 1990 ist die Bücherschau bei uns im Gasteig. Das Haus der Kunst, wo sie vorher stattfand, wurde renoviert und so ist sie zu uns umgezogen und bis heute geblieben. Anfangs habe ich die einzelnen Veranstaltungen als Inspizientin betreut und später – vor fast 15 Jahren – wurde ich Projektleiterin für das komplette Projekt, das heißt von der Buchung über die Planung und Durchführung bis hin zur Abrechnung.

Die Bücherschau ist eines der größten Einzelprojekte im Gasteig?
Ja, die Grundstruktur hat sich über die Jahre bewährt und kaum geändert: In den Gasteig-Foyers gibt es die große Bücherausstellung mit den aktuellen Neuerscheinungen der verschiedenen Verlage, und dazu in den Sälen ein Programm mit Lesungen, Konzerten und Vorträgen. Die Bücherschau für Kinder ist immer beliebter und größer geworden, es gibt inzwischen auch eine viel genutzte Buchwerkstatt. Früher hatten wir sogar ab und zu Lesungen in der Philharmonie, Cornelia Funke und Eugen Drewermann zum Beispiel. Ich glaube die breite und bunte Mischung macht den besonderen Reiz der Bücherschau aus, es ist einfach für jeden etwas dabei.

Da steckt eine Menge Planung dahinter …
Die Bücherschau ist eine sehr komplexe Veranstaltung, nicht nur weil sie so lange dauert, sondern weil sie eben auch in den Foyers und nicht nur in den Sälen unseres Hauses stattfindet. Die ersten Absprachen für die Termine beginnen deshalb spätestens zwei Jahre im Voraus. Parallel verlaufende Festivals und Ausstellungsprojekte müssen ja koordiniert und um die Bücherschau herum geplant werden.

 

Und die Bücherschau selbst?
Im Frühjahr wird das Programm den einzelnen Sälen zugeordnet und wir stellen die ersten technischen Anforderungen zusammen. Im Mai oder spätestens im Juni legen wir alle Termine und Anfangszeiten endgültig fest und über den Sommer bereiten wir das Ticketing und die Druckerzeugnisse vor. Wenn Ende September das Programm veröffentlicht wird, beginnt der Vorverkauf für die Lesungen und die anderen Veranstaltungen. Manche sind relativ schnell ausverkauft.

Und dann wird es auch richtig konkret in der Vorbereitung.
Ja, dann stehen wir schon mitten in der technischen Detailplanung, für jede einzelne Veranstaltung müssen die Anforderungen besorgt und dann für Licht, Bühne sowie Ton- und Medientechnik aufbereitet werden. Gastronomie, Garderoben- und Einlasspersonal und die immer knappen Parkplätze müssen disponiert und die Livesendungen des Bayerischen Rundfunks vorbereitet werden. Dabei kommen ständig Änderungen herein und werden zeitnah eingearbeitet. Uns hilft dabei natürlich eine Software, sonst würde man schnell den Überblick verlieren. Insgesamt ist das alles ein sehr lebendiger und spannender Prozess.

Und das machen Sie alles allein?
Nein, das wäre allein gar nicht zu schaffen. Als Projektleiter sind wir ja auch abends vor Ort und stehen allen Beteiligten als Ansprechpartner zur Verfügung. Das teilen wir dann – nicht nur bei der Bücherschau – im Kollegenkreis auf, so läuft das bei allen größeren Projekten.

Die Logistik für den Auf- und Abbau der Bücherausstellung ist nicht ganz einfach, oder?
Unsere Säle sind ja fast immer belegt. Und wenn die schweren Eisenregale ins Haus gebracht oder abgeholt werden, darf das den normalen Betrieb so wenig wie möglich stören. Die geplanten Zeitfenster müssen deshalb genau eingehalten werden, damit alles pünktlich an Ort und Stelle ist und trotzdem keine Probe und kein Konzert gestört wird. Auch für die vielen Bücher haben wir keine unendlichen Lagerflächen. Doch über die Jahre hat sich das eingespielt und funktioniert gut.

 

Sind Ihnen besondere Erlebnisse in Erinnerung geblieben?
Es passiert ja äußerst selten, dass eine Veranstaltung abgesagt werden muss, weil der angekündigte Künstler am Abend nicht kommt. Bei einer Lesung mit Heiner Müller in den Neunziger Jahren standen wir einmal kurz davor. Er kam einfach nicht und war auch nicht erreichbar. Im allerletzten Moment tauchte er in großer Aufregung im Carl-Orff-Saal auf, der Taxifahrer hatte ihn fälschlicherweise zum Geiselgasteig gefahren. Er meinte nur, er hätte immerhin eine wunderbare Stadtrundfahrt gehabt.

Die Bücherschau bringt jedes Jahr viele interessante Autoren in den Gasteig …
Umberto Eco war da, Ken Follett, Günter Grass, Martin Walser, Salman Rushdi, Donna Leon, Hellmuth Karasek, Carola Stern, Völker Schlöndorff, Rolando Villazon, Ingrid Noll, Roger Willemsen, Rafik Schami, Christiane Hörbiger … ich könnte die Reihe endlos fortführen. Die Autoren hinter der Bühne auch als Menschen kennen zu lernen, das ist für mich immer wieder ein Erlebnis.

Was ist Ihre liebste Tageszeit auf der Bücherschau? Morgens um acht, wenn noch niemand da ist?
Nein, mir gefällt besonders die ruhige Atmosphäre abends im halbvollen Foyer nach einer Lesung, wenn die Besucher auf ein Autogramm warten und mit dem Autor ins Gespräch kommen.

Wie fühlen Sie sich, wenn alles vorbei ist?
Dann habe ich immer ein weinendes und ein lachendes Auge! Aber auf jeden Fall bin ich zufrieden, dass es gut gelaufen ist und atme kurz durch, dann kommt die Abrechnung und dann ist meist schon Weihnachten!

Und dann lesen Sie auch selber wieder!
Ja, unbedingt, während der Bücherschau schaffe ich keine einzige Seite.


Interview: Ingolf Müller
Fotos: Andreas Merz

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