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14.04.2016

»Jazz ist für mich Freiheit!«

»Jazz ist für mich Freiheit!«

Im orangen Gasteig-Winkel: Hör-Tipps und Spiel-Tricks von Andreas Kissenbeck, Dozent am Jazz Institut im Gasteig

Wer etwas über Jazz lernen möchte, ist bei Andreas Kissenbeck im Gasteig an der richtigen Adresse. Wenn der Jazz-Pianist nicht gerade selbst bei Konzerten spielt, unterrichtet er am Jazz Institut der Hochschule für Musik und Theater München. Seit 2010 gehört er zu den »Bewohnern« des Gasteig. Zurzeit arbeitet Kissenbeck intensiv an der Konzeption des neuen Studiengangs »Master of Jazz Education«, der im Herbst startet. Ganz ohne Bewerbungsformalitäten nimmt er ab 18. April in vier Gesprächskonzerten der Reihe »jazz & talk« uneingeschränkt alle Jazzfans mit in seine wunderbare Welt des Jazz. Wir besuchen Andi Kissenbeck während einer Freistunde in seinem Unterrichtsraum im ersten Stock im Gasteig.

Bild zeigt Portrait Kissenbeck

Wann sind Sie dem Jazz verfallen?
Ich habe erst klassisch Klavier gelernt. Das hat mir als Kind viel Spaß gemacht, aber bald bekam ich auch Lust, eigene Musikstücke zu erfinden und zu improvisieren. Das verdanke ich meinem Vater, der einen für seine Zeit recht freien Zugang zum Klavier hatte. Wenn er irgendwo eine Melodie hörte, konnte er sie sofort nachspielen. Da meine Klavierlehrerin aber ausschließlich das Spielen nach Noten unterrichtete, verlor ich zunehmend die Lust. Als ich mit 16 aufhören wollte, schlug meine Mutter vor, ich solle noch zwei Stunden bei einem Jazzlehrer nehmen. Das habe ich gemacht und so war es um mich geschehen.

Was gibt Ihnen der Jazz, was Sie aus dem klassischen Spiel nicht ziehen konnten?
Jazz ist für mich Freiheit, mehr Leben im Moment! Aus beiden Spielarten kann ich tiefe emotionale Momente ziehen, aber im Jazz sind diese Momente für mich leichter erreichbar. Wenn ich komponierte Musik spiele, ist es zunächst einmal wichtig, mir die Souveränität zu erarbeiten, ein Werk sicher spielen zu können. Erst das schafft die nötige Freiheit, um im Moment interpretatorisch kreativ zu sein. Nach der umfangreichen Vorbereitung eines Stücks besteht die Herausforderung darin, der Musik die gleiche Frische und Intensität zu geben, als würde man sie zum ersten Mal erleben. Und genau Letzteres fällt mir bei improvisierter Musik leichter. Um Jazz zu spielen, muss man natürlich auch viel üben, aber der Tonsatz eines Konzerts entsteht im Moment und damit erlebe ich im besten Fall die gespielten Tonfolgen tatsächlich zum ersten und einzigen Mal. Das macht für mich das Spielen zu einem Abenteuer. Ich weiß nicht, was kommt. Diesen Freiraum liebe ich, da er meine Inspiration anregt und kreative Einfälle bei mir entstehen lässt.

Können Sie uns Tricks für gute Einfälle verraten?
Man landet, wie im richtigen Leben auch, bei eigentlich sehr einfachen Weisheiten wie: »Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.« Man kann sich nicht dazu zwingen, dass einem was einfällt, das ist eher kontraproduktiv. Vor wichtigen Konzerten lege ich mich zwei Stunden hin und mache mentales Training. Dann stelle ich mir die Konzertsituation möglichst detailliert vor und versuche, mich genau in den emotionalen Zustand zu versetzen, in dem ich später sein möchte. Dazu benutze ich Sprache, positive konstruktive Wörter wie »gesund«, »leicht« oder »frei«. Das Wort »entspannt« kommt beispielsweise nicht vor, weil da bereits Spannung drin steckt. Die Wirkungen von solch einem Training sind unglaublich und die Übungen völlig unesoterisch! Nur muss man immer wieder etwas dafür tun. Kreative Prozesse kann man sich nicht mit seinem Bewusstsein verordnen. Man kann nur versuchen, seine inneren Einstellungen so zu beeinflussen, dass man in einen befreiten Zustand, den berühmten »Flow«, kommt.

Bild zeigt Portrait Kissenbeck

Ein Profi-Tipp, der Ihnen noch heute hilft?
Als ich selbst noch studiert habe und mit meinem Trio auf Tour war, hatten wir einen recht berühmten Gastsolisten dabei, den amerikanischen Jazztrompeter Bobby Shew. Er sagte einmal: »Wenn ich spiele, lasse ich die Musik auf mich wirken und versuche ganz tief in mich reinzuhören, welcher Ton als nächstes am besten klingt«. Ein scheinbar banaler Satz, dessen wirkliche Bedeutung sich mir erst mit den Jahren erschlossen hat. Je mehr melodische und harmonische Improvisationskonzepte ich mir nämlich mit der Zeit zu eigen gemacht habe, desto mehr hatte ich die Wahl und desto präsenter wurde die Frage, was ich eigentlich in einer bestimmten Situation spielen will. Es ist ähnlich wie bei einer Unterhaltung. Jeder Mensch kann jederzeit über irgendetwas X-beliebiges reden. Aber was macht eine Unterhaltung magisch? Es ist das intuitive Anknüpfen an den Moment.

Ab April entführen Sie gemeinsam mit Ihrem Kollegen Michael Keul Interessierte bei vier »jazz and talk«-Gesprächskonzerten im Gasteig in die Welt des Jazz. Themen sind neben Improvisation und Modern Jazz auch Politik. Ein besonderes Anliegen für Sie?
Die aktuelle Flüchtlingsthematik legt das ja nahe. Kulturelle Integration war immer schon ein Thema des Jazz, der stark im Aufeinandertreffen von schwarzer und weißer Kultur wurzelt. Was wäre der Jazz ohne Musiker wie Count Basie, Duke Ellington oder Charlie Parker? Die »jazz and talk«-Reihe war in der Vergangenheit so erfolgreich, dass wir den Eindruck hatten, hier in kleinem Rahmen etwas für den Jazz bewegen zu können. Und weil es uns wichtig ist, auch junge Menschen zu erreichen, bieten wir die Themen der Abendveranstaltungen um 19 Uhr zusätzlich nachmittags um 15 Uhr für angemeldete Schulklassen an. So können junge Leute auch ohne ihre Eltern kommen. Bei den Inhalten war übrigens mein Kollege Michael Keul federführend. Er ist ein wahres Jazz-Lexikon und obendrein ein lustiger Moderator. In der Auftaktveranstaltung am 18. April zeigen wir zum Beispiel, wie sich Improvisation im Jazz über die Epochen hinweg verändert hat.

Weil der schwarze Flügel während unseres Interviews verlockend glänzt, improvisiert Andreas Kissenbeck spontan zur Vorgabe »Der Gasteig feiert 30. Geburtstag«. Nur noch schnell das Sakko ausziehen und schon legt er los …

Können Sie eigentlich auch im Alltag gut improvisieren, beim Kochen vielleicht?
Beim Kochen habe ich irgendwie nicht so ein gutes Gefühl für Zutaten. Und ohne Gefühl zu improvisieren, das wird nichts. Aber beim Unterrichten hilft mir das Improvisieren unglaublich viel, weil das Anknüpfen am Moment des Anderen hier eine große Rolle spielt. Beim Kompositionsunterricht z. B. ist es wichtig, tief in die Klangwelt des Stücks eines Studierenden einzutauchen. Nur wenn man das schafft, kann man helfen, den Klang zu schärfen, der in der Vorstellung des oder der Studierenden schon da ist. Auch im Unterricht mit Gruppen komme ich immer mehr weg von komplett vorgefertigten Abläufen. Ich versuche zunehmend mich in Situationen zu begeben, die es notwendig machen, auf Teilnehmer einzugehen. Das ist herausfordernder, aber dabei entstehen oft die besten Sachen.

Haben Sie drei jazzige Hör-Tipps für uns?
Da gibt es eine Interpretation des Jazzstandards »There Is No Greater Love« von dem Pianisten Kenny Barron. Kenny und seine beiden Kollegen an Bass und Schlagzeug swingen von der ersten bis zur letzten Note so, dass man es kaum aushält. In meiner späten Jugend habe ich oft »An Actors Live« von Dave Grusin gehört. Damals war ich oft in den Alpen unterwegs und bin mit dem Auto teilweise auch nachts gefahren. Ich weiß heute noch genau, an welchen Orten dieses Stück auf Kassette in meinem Auto lief. Und wenn ich nur eine Scheibe mit auf eine einsame Insel nehmen dürfte, dann wäre das »People Time« von Stan Getz und Kenny Barron. Da geht es nur um den Moment und um eine unheimlich emotionale Tiefe.



Interview: Maria Zimmerer
Fotos und Video: Gasteig München GmbH / Andreas Merz

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