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Neuigkeiten

29.07.2017

»Ich verbringe mehr Zeit im Gasteig als in meinem Wohnzimmer.«

»Ich verbringe mehr Zeit im Gasteig als in meinem Wohnzimmer.«

Kilian Sladek über sein Jazzstudium, wie er mit Bobby McFerrin in der Philharmonie gejammt hat und warum Franz Schubert ein Popmusiker war

Nicht nur in der Jazzabteilung der Musikbibliothek kennt sich Kilian Sladek aus.

An der Hochschule für Musik und Theater studierst Du Jazz-Gesang – wie war Dein Weg dahin?
Eigentlich ziemlich geradlinig, ich komme aus Niederbayern, dort habe ich im Knabenchor gesungen, später in der Schulbigband. Da war für mich die Liebe zum Jazz geboren. Mein Bruder hat hier an der HMT klassische Posaune studiert und später auch Jazz-Posaune und Kulturmanagement, das hat meinen Weg vorgezeichnet. Ich konnte mir gar nichts anderes vorstellen. Für mich war klar, ich singe nur in München vor, ich habe gar nichts anderes probiert und wurde für Jazz-Gesang angenommen.

Und wie war der Start hier in München?
Sehr schnell habe ich gelernt: zu Jazz gehört viel mehr als nur ein paar alte Gassenhauer zu singen. Das ist eine große Reise zu sich selber, auf der es viel Ehrlichkeit und Ausdauer braucht. Es gibt so viele Möglichkeiten, man muss gut auswählen und dann dranbleiben. Ich fühle mich in dem Umfeld hier sehr wohl.

Das Jazz-Institut der Hochschule für Musik ist hier bei uns im Gasteig beheimatet.
Ja und das hat zur Folge, dass ich in den letzten Jahren wirklich so gut wie jeden Tag hier im Gasteig war. Ich habe hier gesungen, Klavier gespielt, Bücher gelesen, Konzerte gehört, alles was mein Leben ausmacht unter einem Dach. Ich musste nirgendwo anders hingehen, alles ist hier vor Ort: die Übe- und Unterrichtsräume, die Bibliothek, die Musikbibliothek und die Konzertsäle. Im Gasteig habe ich auf jeden Fall mehr Zeit verbracht als zu Hause in meinem eigenen Wohnzimmer.

Probenatmosphäre im Kleinen Konzertsaal auf der Bühne...

Was macht den Gasteig für Dich aus?
Man kann hier zum einen sehr konzentriert arbeiten, aber auch Momente der Entspannung finden. Das ist eine wichtige Kombination, wenn man kreativ unterwegs ist. Es gibt die Möglichkeit, allein zu arbeiten, aber auch Räume für große Projekte. So probt die Jazzrausch Bigband regelmäßig hier im Gasteig. Ich finde auch die Mittagsmusiken und die Studiokonzerte im Kleinen Konzertsaal sehr wichtig, da kommt immer Publikum, wirklich immer. Die Auslastung der Räume im Gasteig ist enorm, es gibt eine hohe Dichte an guten Konzerten und viele kleine, besondere Festivals.

Die Black Box ist das zentrale Experimentierstudio für Euch Jazz-Studenten.
Genau, ich mag den Raum, weil er in jeder Hinsicht variabel ist, sowohl von der Bühnensituation wie auch bei den Sitzmöglichkeiten. Wir hatten hier die Musicalproduktion »Rosalie« und auch die Konzerte aus der Reihe »Feindsender«. Bei »Tanz den Gasteig« hat die komplette Jazzrausch-Bigband gespielt. Das geht so nur in der Black Box.

In den Feindsender-Konzerten hast Du russischen Jazz in Originalsprache gesungen!
Ich war ein Jahr zum Studium in Lettland, das war eine sehr prägende Erfahrung für mich. Der Kontrast zum Leben und Arbeiten hier ist groß, das lässt einen die Dinge klarer sehen. Ich habe viel von dort mitgebracht, unter anderem auch Russischkenntnisse. Den ersten Russischkurs hatte ich übrigens auch hier im Gasteig bei der Volkshochschule belegt.

...und backstage in der Garderobe.

Man spricht nicht nur beim Jazz immer wieder über einen Rückgang des Publikums. Wie siehst Du die Zukunft der Jazzmusik?
Jede Generation muss sich ihr eigenes Publikum schaffen. In meinen Konzerten sind immer sehr viele junge Leute, ich mache mir da wirklich keine Sorgen. Jazz ist eine sehr aktuelle Musik, man setzt sich ganz konkret mit dem auseinander, was einen umgibt: vom kleinen privaten Gefühl, welches einen vielleicht gerade umtreibt, bis hin zur großen Weltpolitik. Und weil es live gespielte Musik ist, reagiert man immer auf den Moment. Das macht den großen Reiz von Jazz aus – und diese Art Musik zu machen wird immer auch ein Publikum finden.

Hältst Du auch noch Verbindung zur klassischen Musik?
Ich singe in einem Chor, weil mich der Gesang als solcher interessiert, insbesondere klassische Chormusik. Ich habe mir in der Philharmonie viele Chorkonzerte angehört, es gibt da eine große Bandbreite unterschiedlicher Ansätze, es ist interessant zu vergleichen.

In der Philharmonie treten immer wieder auch wichtige Jazzmusiker auf.
Für den gemeinsamen Abend von Chick Corea und Bobby McFerrin habe ich mir erst kurz vor Beginn des Konzerts eine Karte geholt und saß dann im seitlichen Block L, also quasi hinter den Musikern. Irgendwann drehte sich Bobby zu uns um und hat gefragt, ob wir auch etwas beitragen können. So stand ich wenige Augenblicke später neben ihm auf der Bühne und er sagte: »Let’s improvise, you begin!« Das haben wir dann zehn krasse Minuten lang gemacht, gemeinsam mit der Stimme improvisiert. Die Bälle zwischen uns flogen hin und her, den Leuten hat es sehr gefallen. Diesen Abend in der Philharmonie werde ich bestimmt nicht vergessen!

Probe in einem der zahlreichen Unterrichtsräume der Musikhochschule

Welche Musiker würdest Du als deine Vorbilder bezeichnen?
Ganz am Anfang war das Frank Sinatra, der ist bis heute für mich sehr wichtig. Aber inzwischen interessiere ich mich mehr für einen experimentellen Zugang zum Gesang, und da ist Al Jarreau ein ganz Großer für mich. Er hatte einen sehr interessanten Lebensweg, weil er erst spät – mit über dreißig – angefangen hat, Karriere zu machen. Deswegen konnte er viel Menschenkenntnis, viel Allgemeinwissen und Reife in seine Musik einbringen.

Gibt es einen klassischen Komponisten, den Du besonders schätzt?
Franz Schubert, er hat über 700 Kunstlieder geschrieben, die alle von den kleinen und großen Dingen des menschlichen Alltags handeln. Er war der Popmusiker seiner Zeit. In seinen Liedern, wie zum Beispiel auch in der »Winterreise« geht er spontan mit der Situation um, das ist genauso wie im Jazz. Diese kleinen Geschichten, das Komprimierte, das fasziniert mich sehr.

Du hast gerade deine Bachelorarbeit fertig gestellt, für welche Du musikalisch mit Flüchtlingen gearbeitet hast.
Ich habe Unterrichtskonzepte für die Arbeit mit Flüchtlingen entwickelt und einen Chor mit Flüchtlingen gegründet. Dabei ist es mir wichtig, dass jeder so viel wie möglich von seiner eigenen Art zu singen einbringen kann. Der Austausch ist spannend, Singen ist Verbindung. Und dahinter steht die Frage: Was ist Singen?

» Ich fühle mich in dem Umfeld hier sehr wohl.«

Wie sehen Deine Zukunftspläne aus?
Musik hat ja keinen Anfang und kein Ende, sondern ist ständige Weiterentwicklung. Ich werde auf jeden Fall weiter Musik machen. Ich singe ja nicht nur, sondern komponiere, texte und arrangiere auch. Aber ich möchte mich unbedingt in anderen Bereichen umschauen: Logopädie, Kulturmanagement und Jura interessieren mich.

Unser neuer Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner ist auch studierter Sänger und Jurist...
...das ist also eine gute Perspektive! (lacht)

 

 

Kilian Sladek tritt im Herbst 2017 wieder mit der Jazzgesangsklasse und mit dem Jazzchor im Kleinen Konzertsaal auf, die Termine werden aktuell auf unserer Homepage veröffentlicht.
 


Kilian Sladek in Memoriam of Al Jarreau im Carl-Orff-Saal (ab Minute 9:38)


Kilian Sladek Quartet: Awakening - Live at RECMORE (Komposition Kilian Sladek)

Weitere Informationen zu seinen Projekten, sowie Konzerttermine sind auf der Homepage von Kilian Sladek, ausführliche Informationen zum Jazz-Institut der Hochschule für Musik und Theater München auf der Homepage des Instituts zu finden.


Text und Fotos: Ingolf Müller

 

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