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24.05.2018

»Fast ein eigenes Faust-Festival im Kleinen«

»Fast ein eigenes Faust-Festival im Kleinen« Hansjörg Albrecht / Matteo Carvone

Für eine außergewöhnliche Produktion treffen sie im Gasteig zusammen: der Organist, Dirigent und musikalische Grenzgänger Hansjörg Albrecht und der Tänzer und Choreograph Matteo Carvone. Sie bringen am 13. Juni 2018 gemeinsam »Orgel & Tanz – Faust-Symphonie nach Franz Liszt« auf die Philharmonie-Bühne.

Die Kooperation zwischen dem Gasteig und dem Gärtnerplatztheater wirbelt gegen Ende des Faust-Festivals noch einmal einiges auf – oder besser: bringt es zusammen. Denn Orgelspiel, Tanz, Soundcollagen und Video-Mapping vermischen sich auf einer Bühne, wenn die Faust-Symphonie nach Franz Liszt im Arrangement für Orgel und mit modernem Tanz in Szene gesetzt wird. Mit dabei sind über 32 Tänzerinnen und Tänzer des Gärtnerplatztheaters und der Iwanson International School of Contemporary Dance, namhafte Licht-, Kostüm- und Sounddesigner und eine Orgel, die ein ganzes Orchesterwerk zum Klingen bringen wird.

Matteo Carvone

»Diese Produktion ist eine Riesen-Herausforderung! Und für mich das erste Projekt in diesem Ausmaß und dieser Komplexität – es ist schließlich die Philharmonie, keine gewöhnliche Bühne!« Der Choreograph Matteo Carvone erarbeitete nicht nur den Tanz, sondern entwickelte auch Video-Projektionen, ist für das Set-Design und die Gesamtleitung der Produktion verantwortlich. Der frühere Gärtnerplatz-Tänzer choreographiert bereits seit zehn Jahren, doch bisher immer für kleinere Bühnen. »Die Bühne und dieser ganze Raum sind sehr anspruchsvoll. Da ist nicht nur der Tanz, sondern ein ganzes Universum. Es geht um abstrakte Bilder und Charaktere. Ich mag es, in die Psychologie der Charaktere und der Musik einzutauchen. Mit diesen zwei Elementen kann ich dann meine eigenen Bilder erschaffen. Die Videoprojektionen lassen zudem die Orgel – und somit die Musik – teilweise optisch mit dem Tanz verschmelzen.« Auch Organist und Arrangeur Hansjörg Albrecht bestätigt die Komplexität der Produktion: »Diese Sache ist wirklich als Gesamtkunstwerk kreiert. Und das ist im Gasteig eben machbar, er öffnet uns alle Türen und Tore – für den Tanz und die Orgel, aber auch die Videos und die spezielle Beleuchtung: Kostüme, Tänzer, Orgel, Soundcollage, Licht, Video-Projektion, das muss alles ineinander greifen. Und wir werden am Ende sehen, was daraus wird.«


Dabei hatte alles mit einem kleinen 5-Minuten-Gespräch angefangen. Nach einer Anfrage des Faust-Festivals an Hansjörg Albrecht überlegte dieser zusammen mit Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner, was man beitragen könnte. Und dann kam die Idee: »Faust-Symphonie« von Franz Liszt, mit Tanz. So entstand die Orgel-Transkription eines Werkes, das eigentlich für ein ganzes Orchester geschrieben ist, und – sogar eine CD-Aufnahme, die pünktlich zur Aufführung auf den Markt kommt. »Am Anfang fielen Namen, man kannte sich noch nicht, und dann saßen irgendwann alle an einem Tisch – im Sommer 2017. Es ist irre, das daraus jetzt so eine Riesen Produktion wurde, fast ein eigenes Faust-Festival im Kleinen.« resümiert Hansjörg Albrecht. »Und wir haben von Anfang an gesagt: Keiner redet dem anderen rein. Denn jeder ist Spezialist auf seinem Gebiet.

Die Tänzer Anna Calvo und Thomas Martino bei den Proben

Und so wurden von Beginn an eine Menge ›Cartes blanches‹ verteilt, denn zum gemeinsamen Proben blieb allein logistisch nicht allzu viel Zeit. Im Januar begann Hansjörg Albrecht mit seinem Arrangement für Orgel, Matteo Carvone mit der Choreographie. Und während die Gärtnerplatz-Tänzer als langjährige Kollegen Carvones Sprache und Vokabular schon kannten, lernte er die Studenten der Iwanson Schule überhaupt erst kennen. »Die Tanzstudenten sind noch sehr jung und verschieden in ihrer Körperlichkeit. Es ist keine Ballett-Kompanie, sondern sie lernen eine Bandbreite an Tanzstilen. Manche sind besser in Ballett, manche in Hip-Hop.« Die Choreographie ist dabei nicht die einzige Herausforderung, auch der Philharmonie-Boden hat es in sich. Da dieser nicht auf Tanz ausgerichtet und eigentlich zu hart ist, wird ein spezieller Tanzboden auf die Bühne gelegt. Carvone vermied es trotzdem vollständig, Sprünge in die Choreographie einzubauen. »Ich bin selbst Tänzer und weiß, was es bedeutet, auf einem solchen Boden zu tanzen.« Und bis das Arrangement und die CD-Aufnahme von Albrecht im April fertig war, wurde ohne Musik geprobt: »Ich benutze beim Proben mit den Tänzern sowieso erstmal nie Musik, sondern starte zunächst einen kreativen Prozess, in dem ich vieles mit ihnen zusammen entwickle. Erst später führe ich Musik und Tanz zusammen.« Und erst zwei Tage vor der Aufführung wird schließlich das ganze Paket zusammengeführt: die Einrichtung der Bühne und der Licht- und Sound-Technik als auch das Proben mit allen beteiligten Künstlern. »Allein die Einrichtung des Lichts dauert zwei bis drei Stunden. Aber ich habe eine fantastische Lichtdesignerin: Tanja Rühl, die Haupt-Lichtdesignerin
von William Forsythe. Auch ihr gebe ich eine Carte blanche, die volle Freiheit«, schwärmt Matteo Carvone.

Hansjörg Albrecht

Die besonderen Herausforderungen des Arrangements wiederum beschäftigten Hansjörg Albrecht den Januar über täglich acht Stunden, neben all seinen anderen Projekten. Dann ging es im März in die Philharmonie: Eine Woche lang probte er, nachdem abends die Konzerte vorbei waren – von 23:00 bis 7:00 Uhr in der Früh. Vier Nächte davon nahm sich der Organist erst einmal Zeit, die vielen Klangschattierungen, die den Gesamt-Orchesterklang am Ende hervorbringen, an der Klais-Orgel zu registrieren. Letztlich verbrauchte er knapp 1.000 Klangkombinationen, während die meisten Organisten für ein Konzert in der Regel maximal 150 Kombinationen benutzen. Diese Klänge sind nun im Instrument gespeichert und mit einem Knopfdruck zum Orgelspiel im Juni abrufbar. »Dass man nicht für jeden einzelnen Klang ein Register mit der Hand herausziehen muss, sondern einfach auf einen Knopf drückt und alles Gespeicherte da ist – Liszt wäre heute wahrscheinlich verzückt über die technischen Möglichkeiten, er war ein großer Freund der Orgel.« Diese Möglichkeiten der großen Orgel in der Philharmonie erlaubten Hansjörg Albrecht auch, sehr nah an der Orchesterfassung zu transkribieren und beispielsweise den Tumult in den Kontrabässen, den Pauken und dem Blech einem Orchester gleich erklingen zu lassen. »Im Gesamtklang klingt es dann wirklich, als ob sich ein Orchester austobt. Oben schmettern die Fanfaren und unten wuselt es die ganze Zeit. Ich habe mich dabei an den Tempi der Orchesterfassung entlang gehangelt. Es ist stellenweise so wahnsinnig schnell, man muss sich einfach darauf verlassen können, dass die Finger, das Gehirn und vor allem das Ohr einem keinen Streich spielen – das ist wie ein Blindflug durch einen Kanal.« Den ganzen Februar durch hat er acht bis zehn Stunden pro Tag zuhause geübt, an der heimischen elektronischen Orgel. Und im April war die CD-Aufnahme »im Kasten« – abgehört und abgemischt –, die jetzt im Studio noch mit Soundcollagen des Komponisten Enjott Schneider angereichert wird.

Aber nicht nur auf der CD, auch auf der Bühne wird die Orgel neben dem Tanz gleichberechtigter Hauptakteur sein. Denn während in klassischen Symphonie-Konzerten die Orgel meist nur als Klangkrone zum Einsatz kommt, zeigt sie hier, dass sie ein ganzes eigenes Orchester sein kann. Diese außergewöhnliche Hauptrolle des Instruments soll die Orgel auch für das Konzertpublikum neu erschließen, denn nach wie vor verbinden viele mit Orgel eher die Kirche und einen relativ kleinen Kanon von Stücken, der heute in den Messen noch gespielt wird. Hier schöpft die Orgel hingegen ihr volles Potenzial aus. Auch für Choreograph Matteo Carvone ist die intensive Beschäftigung mit Orgelmusik faszinierendes Neuland: »Es ist ein sehr komplexes Instrument. Aber anders als in der Kirche, wo sie durch den starken Hall meist sehr dramatisch klingt, klingt sie in der Philharmonie viel trockener und hat mehr Struktur. Man hört wirklich die einzelnen Pfeifen, was für den Tanz sehr gut passt.«

Ein Mammut-Projekt, in dem viel Arbeit steckt – und das für nur einen Abend? Die Hoffnung, dass die Produktion vielleicht schon bald in anderen Konzertsälen zu sehen sein wird, ist jedenfalls bei allen Beteiligten da. Und was würde wohl Liszt zu dem Ganzen sagen? Hansjörg Albrecht kann nur mutmaßen: »Das weiß ich nicht, ich hoffe, sich freuen! Richard Wagner, mit dem Liszt eng befreundet war, sagte ja schon: ›Kinder, schafft Neues‹. Und wir tun das jetzt.«

Veranstaltungsdetails und Tickets zur Faust-Symphonie gibt es hier.


Text und Interviews: Judith Ludwig
Fotos: Hansjörg Albrecht / Matteo Carvone

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