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20.02.2020

»Fangen Sie früh mit Singen an!« Wolfgang Berg, Bratschist der Münchner Philharmoniker, plädiert für mehr Musik im Leben.

»Fangen Sie früh mit Singen an!« Wolfgang Berg, Bratschist der Münchner Philharmoniker, plädiert für mehr Musik im Leben. Die ersten Takte: Der kleine Wolfgang Berg mit seinem Vater Wolfgang Berg

Wolfgang Berg, Jahrgang 1959, ist seit 30 Jahren Bratschist bei den Münchner Philharmonikern und könnte sich keinen schöneren Beruf vorstellen. Wenn der Vater zweier Kinder nicht selbst Konzerte spielt, steckt er andere mit seiner Begeisterung für Musik an, häufig im Rahmen von »Spielfeld Klassik«, bei Kursen der Münchner Volkshochschule im Gasteig oder im Gespräch.

Sie haben das ODEON-Jugendsinfonieorchester mitbegründet und unterstützen die jugendlichen Musiker regelmäßig als Dozent und Mentor. Warum liegt Ihnen der musikalische Nachwuchs so am Herzen?
Durch meine eigene Erfahrung von klein auf weiß ich, wie prägend der Einfluss klassischer Musik auf die Entwicklung sein kann. Ich hatte großes Glück, dass mein Vater als Musiklehrer den ganzen Tag nichts anderes gemacht hat als Musik. In Prüm, einem kleinen Ort in der Eifel, wo zu Beginn der 60er Jahre musikalisch sehr wenig los war, hat er den kompletten Musikunterricht am  Gymnasium aufgebaut und Schüler immer wieder für diverse Ensembles und Schulorchester begeistern können. Schon als Fünfjähriger bekam ich von ihm Geigenunterricht und sonntags hat er mich oft mit in den Musiksaal der Schule genommen, wo wir zusammen Bruckner Sinfonien aus den neuen Bose Boxen gehört haben. Weil ich von der ersten Minute an musikalisch aufgewachsen bin, habe ich gemerkt, was Musik einem geben kann.

Wolfgang Berg beim Philharmonie-Konzert

Können Sie dieses Gefühl beschreiben?
Musik zu machen und das Miteinander dabei – diese Kombination war für mich wie eine Droge: Man spürt so eine starke Verbindung mit den anderen Musizierenden, wenn man zusammen probt oder auf der Bühne sitzt. Das kann man gar nicht richtig in Worte fassen. Ab einem gewissen Level kann man nicht mehr damit aufhören!

Was empfehlen Sie Eltern, denen der Kontakt Ihrer Kinder mit Musik wichtig ist?
Fangen Sie frühzeitig mit Singen an, sei es beim Einschlafen, bei Autofahrten oder beim Wandern. Wenn die Kleinen dann eine Weile ruhig sitzen können, lassen sie sich in Kinderkonzerten über Klassiker wie »Peter und der Wolf«, »Die vier Jahreszeiten« oder »Die Zauberflöte« wunderbar an klassische Musik heranführen. Vielleicht den Kindern vorher die Geschichte dazu erzählen, dann fängt sofort die Fantasie an zu arbeiten. Bei den Instrumentendemos von »Spielfeld Klassik« können Kinder ab 6 Jahren einzelne Instrumentenfamilien kennenlernen und unzählige Fragen stellen. Kinder sind so offen, so begeisterungsfähig! Wenn sie wollen,
werden sie immer das passende Instrument für sich finden.

Worauf sollte man denn bei der Instrumentenwahl achten?
Manchmal ist es von vornherein klar, ansonsten sollten Kinder verschiedene Instrumente ausprobieren. Bei Streichinstrumenten braucht man beispielsweise ein gutes Gehör, weil der Ton nicht wie beim Klavier exakt auf Tastendruck erklingt, sondern erst gefunden werden muss. Schauen Sie genau hin! Mein Sohn hat immer viel mit dem Mund gespielt, weshalb schnell klar war, dass er bei den Blasinstrumenten gut aufgehoben ist. Heute ist er Musiklehrer für Horn und Trompete.

Privatunterricht: Vater Berg und Sohn

Gab es nie Momente, in denen Sie lieber etwas anderes gemacht hätten?
Natürlich sind, als ich jung war, manchmal ein paar Tränchen geflossen. Ich war ein ganz normaler Junge, der gerne im Wald Feuer gemacht hat und viel draußen war. Aber mein Vater hat darauf bestanden, dass ich regelmäßig jeden Tag übe. Vater hat wohl gesehen, dass ich eine gewisse Begabung für die Geige hatte und war immer hinterher. Später bekam ich dann Bratschenunterricht bei einer Musikstudentin im etwa zwei Stunden entfernten Köln und meine Mutter musste mich am Wochenende immer zum Zug fahren. Unzählige Wochenenden war ich unterwegs für diesen Unterricht, aber ich wäre heute nicht hier, hätte ich das nicht auf mich genommen.

Wie war eigentlich Ihr Anfang bei den Münchner Philharmonikern – erinnern Sie sich noch an den ersten Tag hier im Gasteig?
Mein erstes Probespiel hier in der Philharmonie war eine der schlimmsten Situationen meines Lebens: Ich hatte Preise beim Wettbewerb »Jugend Musiziert« gewonnen, viele Jahre lang studiert, Examen gemacht und tolle Reisen mit dem Europäischen Jugendorchester erlebt – aber dann stand ich plötzlich mutterseelenallein auf dieser großen Bühne vor dem ganzen Orchester und hatte nur ein paar Minuten, um zu zeigen, was ich kann. Beim ersten Probespiel wurde kein Kandidat genommen. Maestro Celibidache kam damals zu mir und sagte, ich müsse nochmal vorspielen. Ich war so enttäuscht! Aber kurze Zeit später riefen die Philharmoniker an: Ich sollte bei Bruckners siebter Sinfonie in der Kölner Philharmonie einspringen. Das war wunderbar – beim anschließenden zweiten Probespiel hat dann die Mehrheit des Orchesters für mich gestimmt.

Sommer mit dem ODEON-Jugendsinfonieorchester

Sie führen ein Leben erfüllt von Musik, geben Konzerte, Workshops und Unterricht. Welche Projekte würden Sie gerne noch angehen?
Bei Klassentreffen mit Ehemaligen höre ich oft den Satz: »Das einzige aus der Schulzeit, woran ich mich erinnere, ist der Musikunterricht deines Vaters!« Auch wenn er sehr streng war, hat er mich und viele andere geprägt. Es wäre toll, wenn die Schulen wieder mehr Fokus auf Musik legen und dem Musikunterricht mehr Zeit einräumen könnten, hier spreche ich wirklich bewusst die Politik und zuständigen Ministerien an: Wir dürfen die breite musikalische Erziehung und Bildung unserer jungen Menschen nicht weiterhin so vernachlässigen!

»Eine der wichtigsten Sachen neben meinem Beruf als Musiker ist, junge Leute beim Musikmachen zu begleiten. Man bekommt so viel zurück, wenn man sieht, wie viel Spaß sie dabei haben. Ich kenne einfach nichts Schöneres!«

Gibt es bei Ihnen manchmal so etwas wie eine Überdosis Musik?
Ja, das kommt vor! Als junger Musiker habe ich immer durchgehend gespielt. Mittlerweile lege ich die Bratsche nach einer anstrengenden Saison auch mal für einige Wochen weg. Mein Beruf verlangt viel Konzentration, man muss immer Höchstleistungen abrufen. Nach solchen Pausen bin ich wieder erfrischt und voll dabei!


Lust auf Musik? Bei »Spielfeld Klassik« bieten die Münchner Philharmoniker ein spannendes Programm für alle Altersgruppen. Alle Infos dazu finden Sie unter www.spielfeld-klassik.de.



Text/Interview: Maria Zimmerer
Fotos: Wolfgang Berg privat, Hans Engels (Berg beim Philharmonie-Konzert)

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