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07.10.2018

»Ein Stück Heimat in meiner neuen Stadt!«

»Ein Stück Heimat in meiner neuen Stadt!«

Die junge russische Mezzosopranistin Natalya Boeva gewann beim diesjährigen Internationalen Musikwettbewerb der ARD den 1. Preis. Wir haben uns mit ihr zu einem Gespräch getroffen.

Vier strahlende Gewinner

Herzlichen Glückwunsch zum Erfolg beim ARD-Musikwettbewerb! Was hast Du gedacht, als klar wurde, dass Du die Siegerin bist?
Ich habe gedacht, das kann jetzt nur ein Traum sein, oder? Der erste Preis beim ARD-Musikwettbewerb ist wirklich etwas ganz Besonderes, ich freue mich wirklich sehr darüber!

Wie wichtig sind solche Wettbewerbe für eine Sängerlaufbahn?
In der Welt der klassischen Musik sind solche Wettbewerbe sehr bedeutend für die Karriere. Ich bin gespannt, wie es jetzt für mich weitergeht.

Welche Konzerte in der Philharmonie im Gasteig haben Dich besonders beeindruckt?
Ich bin seit fast zwei Jahren in München und absolviere mein Masterstudium an der Theaterakademie. Das ist alles ziemlich eng getaktet und ich war deshalb öfters in der Oper als im Gasteig. Schon mehrfach habe ich aber in der Philharmonie die Münchner Philharmoniker mit Valery Gergiev erlebt. Im letzten Jahr standen Tschaikowskys »Rokoko-Variationen für Cello und Orchester« auf dem Programm. Die Cello-Partie hatte Andrei Ionita übernommen, es war mir eine große Freude, diesen jungen talentierten Cellisten zu erleben, vor allem mit diesem Werk, welches ich sehr gerne mag. Maestro Gergiev habe ich natürlich schon öfter in St. Petersburg erlebt, und so sind seine Konzerte hier für mich wie ein Stück Heimat in meiner neuen Stadt!

In welchem Konzertsaal möchtest Du gern einmal singen?
Da gibt es eine lange Liste mit vielen großen Namen: in der Walt-Disney Concert Hall in Los-Angeles, in der Royal Albert Hall in London, in der Carnegie Hall in New York, im Konzerthaus in Berlin, im Konzertsaal des Musikvereins in Wien und – natürlich – in der Philharmonie im Gasteig hier in München!

Applaus und Gratulation für die Preisträgerin

Wie gehst Du persönlich mit Lampenfieber um?
Ich kann sagen, ich habe immer weniger Lampenfieber und immer mehr Lust, auf die Bühne zu gehen und von dort mit den Menschen im Saal zu kommunizieren.

Hast Du musikalische Vorbilder?
Als Mezzosopran begeistern mich natürlich verschiedene Sängerinnen im Mezzosopran-Fach: Christa Ludwig, Elīna Garanča, Alice Coote, Olga Borodina, Nathalie Stutzmann gehören dazu. Die Aufzählung zeigt schon, wie breit das Spektrum im Mezzofach ist. Aber natürlich lasse ich mich auch gern von Sopranistinnen und von Männerstimmen inspirieren.

Wie hat Deine musikalische Ausbildung begonnen?
Ich habe relativ früh angefangen, schon mit fünf Jahren bin ich an die Schule der Künste in St. Petersburg gekommen. Das war für mich vom ersten Tag an ein großes Glück! Ich wusste sehr schnell: Ich will Musikerin werden.

Was hörst Du privat für Musik?
Ich muss die Oper ab und zu auch mal aus dem Kopf bekommen! Privat höre ich deshalb sehr unterschiedliche Sachen: Das reicht von Heavy-Metal über Rock in verschiedenen Variationen bis hin zu Jazz und Pop. Wenn etwas gut ist, warum nicht? Das ist das einzige Kriterium für mich.

Seit Beginn der neuen Saison gehörst Du zum Opernensemble am Theater Augsburg. Welche Partie möchtest Du unbedingt einmal interpretieren?
Über das Engagement in Augsburg bin ich sehr glücklich. Die Rollen, die ich in dieser Saison singen werde, stehen schon fest: Preziosilla in Verdis »La forza del destino«, die dritte Dame in Mozarts »Die Zauberflöte«, Charlotte in Massenets »Werther« – das ist schon eine meiner Traumrollen! Und davon gibt es so viele, von Händels und Mozarts Sestos über Rossinis Arsace zu Bizets Carmen und den Komponisten in »Ariadne auf Naxos« von Richard Strauss.

Bei den Proben mit dem Dirigenten Andreij Yurkevich

Du hast auch eine Ausbildung als Chorleiterin absolviert. Warum boomt der Chorgesang gerade überall?
Es bringt den Menschen einfach Freude, zusammen zu musizieren und gemeinsam etwas Interessantes zu schaffen. Ich habe selber mit fünf Jahren angefangen, im Chor zu singen, und ich glaube, das war eine sehr gute Basis für meinen Weg bis heute. Chorgesang schult vor allem das Gehör, was sehr wichtig für jeden Musiker ist, außerdem lernt man unterschiedliche musikalische Stile und verschiedene Sprachen kennen.

Es heißt immer, das Publikum für klassische Konzerte geht zurück und wird älter. Wie stehst Du dazu?
Man merkt das nicht nur hier, sondern auch in Russland, das Publikum ist überwiegend älter. Es ist natürlich schade, dass die jungen Leute nicht so gerne ins klassische Konzert gehen. Ich bin aber überzeugt, wir Musiker müssen einfach dran bleiben, um auch für unsere eigene Generation interessant zu sein! Und dann ist die Frage der musikalischen Bildung natürlich wichtig, das ist ein wirklich großes Thema.

Für das Programm »Meine Seele weinte« hast Du gemeinsam mit der Pianistin Polina Spirina mehrere besondere, eher selten zu hörende Werke zusammengestellt.
Das Leben ist eben nicht immer einfach, lustig und leicht. Wir wollen mit unserem Liederabend in die Tiefe der Seele schauen. Die Schönheit, die dort verborgen ist, möchten wir gern zum Vorschein bringen. Dazu eignen sich die Lieder von Richard Strauss und Karol Szymanovski sehr gut. Und wir werden auch den Liederzyklus »Meine Sehnsucht kann man nicht überwinden« des jungen St. Petersburger Komponisten Alexander Labyrich (*1988) aufführen, den der Komponist mir gewidmet hat. Darauf freue ich mich sehr!

Gibt es eine Komponistin oder einen Komponisten, dem Du dich besonders verbunden fühlst?
Das ist eine interessante Frage. Ich denke das hängt immer davon ab, was gerade in meinem Leben passiert. Es gab eine Zeit, da hat sich bei mir in Kopf und Herz alles um Schostakowitsch und Mahler gedreht. Aber Johann Sebastian Bach steht für mich immer im Zentrum. Selbst wenn die Musikgeschichte mit ihm aufgehört hätte, es wäre trotzdem ausreichend!

Der Gasteig soll bald komplett saniert werden, hast Du Wünsche an den »neuen Gasteig«?
Ja, einen ganz konkreten: In allen Überräumen für die Musiker sollte es Tageslicht geben. Es fällt so schwer in einem Raum zu arbeiten, in dem man keine Fenster hat. Ansonsten sollte der Gasteig seine Offenheit in alle Richtungen bewahren!
 

Das für den 9. Oktober 2018 im Kleinen Konzertsaal geplante Liedprogramm »Meine Seele weinte« von Natalya Boeva und Polina Spirina muss aus terminlichen Gründen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden.


Interview: Ingolf Müller
Fotos: Daniel Delang

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