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04.12.2018

»Der Gasteig ist für mich mehr Zuhause als Zuhause«

»Der Gasteig ist für mich mehr Zuhause als Zuhause« Rodrigo Luna Stix

Vincent Eberle ist Gewinner des Kompositionswettbewerbs des »Baltic Breeze«-Festivals. Im Gespräch verrät er, was der Gasteig für ihn bedeutet, was ihn mit dem Baltikum verbindet und was Komponieren mit Kleidung zu tun hat.

Eine frische Brise soll vom Baltikum direkt nach Deutschland in den Gasteig wehen. Das haben sich Kilian Sladek und Florian Stierstorfer bei einer Tour mit dem Auto durch Lettland, Litauen und Estland überlegt. Die beiden Studenten an der Hochschule für Musik und Theater München waren so begeistert von den Klängen, die ihnen auf ihrer Fahrt begegneten, dass sie sie mit dem Publikum in Deutschland teilen wollen. Deshalb veranstalten sie am 8. Dezember in der Black Box im Gasteig das »Baltic Breeze«-Festival. Solokünstler und Bands aus den drei baltischen Staaten treten auf, um gemeinsam 100 Jahre Unabhängigkeitserklärung und Staatsgründung des Baltikums zu feiern: die Esten Argo Vals & Oliver Kulpsoo, die Letten Equanimity Trio und der Litauer Saulius Petreikis. Den Abschluss bilden die »Jazzrausch Bigband« und Saulius Petreikis, die Vincent Eberles Siegerstück »The Baltic Suite« uraufführen. Mit ihm haben wir uns zum Gespräch getroffen.

Du hast einen Masterabschluss in Trompete und einen Bachelor in Kontrabass. Momentan studierst Du im Master Jazz-Komposition an der Hochschule für Musik und Theater München. Was bist Du in erster Linie – Trompeter, Bassist oder Komponist?
Noch bin ich hauptsächlich Trompeter. Aber das Komponieren rückt gerade Stück für Stück weiter nach oben. Das Bassspielen fällt inzwischen leider hinter beidem sehr zurück.

Was fasziniert Dich am Komponieren?
Dieser Schaffensdrang – den habe ich schon immer. Ich finde es schön, etwas aus dem Nichts zu erschaffen. Das kann man ja beim Komponieren: Man hat nur ein Stück Papier und einen Bleistift und schreibt Dinge, die toll klingen.

Welchen Moment beim Komponieren magst Du am meisten?
Einer meiner Lieblingsmomente ist das Ausdrucken der Noten, der Moment, in dem man diesen dicken Stapel Noten in der Hand hat. Und ein anderer ist, wenn sich die Band beim Konzert mit dem Spielen meiner Komposition wohlfühlt. Genau deshalb versuche ich immer passend auf die Person zu schreiben. Wenn die sich wohlfühlt, dann kann sie auch die Emotionalität, die in der Musik liegt, richtig transportieren.

Komponieren hat ja nicht nur etwas mit Emotion, sondern auch viel mit Inspiration zu tun. Wie lässt Du Dich inspirieren?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal fahre ich U-Bahn, summe etwas vor mich hin und auf einmal denke ich: Hey, das ist ja was Neues, das ist ja gar kein Ohrwurm. Manchmal habe ich auch eine Deadline, sitze da und muss etwas schreiben. Und manchmal sitze ich auf der Couch, mache nichts und plötzlich fallen mir Bruchstücke ein, die ich dann aufschreibe. Inzwischen habe ich einen kleinen Vorrat an Melodien, die ich noch nicht benutzt habe. Eine Melodie ist dann wie ein altes Kleidungsstück, das man jahrelang nicht angezogen hat, das bisher keinen Nutzen gefunden hat. Und dann ist da eine Feier und man denkt sich: Ah, das passt genau heute.

Du hast dieses Jahr am Kompositionswettbewerb zum »Baltic Breeze«-Festival teilgenommen und diesen auch gewonnen. Woher hast Du da Deine Inspiration genommen?
Das war für mich etwas völlig Neues, weil ich für eine Person geschrieben habe, die ich persönlich eigentlich gar nicht kenne, für Saulius Petreikis. Da musste ich mir ein bisschen erarbeiten, was ihm jetzt liegen könnte. Er hat einen ganz großen YouTube-Channel, auf dem er als Multiinstrumentalist seine ganzen Instrumente vorstellt. Da habe ich mir alle hundert Videos angeschaut, habe einen Abend vier, fünf Stunden vor YouTube gesessen und mir das voll gegeben. (lacht) Und die »Jazzrausch Bigband« kenne ich ganz gut, da habe ich auch ab und an mitgespielt und helfe dort aus. Da weiß ich dann eher, was denen liegt.

Deine Komposition, die »Baltic Suite«, beschäftigt sich in ihren drei Sätzen jeweils mit einem Staat aus dem Baltikum. Welcher Satz lässt sich welchem Land zuordnen und warum?
Lettland ist der erste Satz mit Flügelhorn, der zweite Satz mit Birbyne – einem klarinettenähnlichen Instrument – steht für Estland und der dritte Satz mit Flöte für Litauen. Tatsächlich ist die Zuordnung der Instrumente zu den Ländern nicht ganz optimal, da die Birbyne ein typisch litauisches Instrument ist. Aber ich habe mir auch gedacht, da könnte man mal das Instrument aus dem Nachbarland verwenden. Das zeigt dann ja auch, dass die drei Staaten zusammengehören.

Hast Du denn eine persönliche Verbindung zum Baltikum oder zu baltischer Musik?
Ich war leider noch nie dort. Bis auf zwei Ex-Kommilitoninnen, die ich musikalisch sehr schätze, habe ich leider keinen Bezug zu den baltischen Staaten.

Wenn Du selbst keinen persönlichen Bezug zum Baltikum hast, wie bist Du dann beim Komponieren der »Baltic Suite« vorgegangen?
Als Musiker kommt man ja viel rum und auf Workshops lernt man Leute aus ganz Europa kennen. Ich habe dann in meiner Facebook-Liste gekramt, ob ich Leute aus diesen Ländern kenne. Da habe ich mir zum  Beispiel aus meiner Grazer Zeit eine Sängerin ins Gedächtnis gerufen, die aus Lettland kommt. Und dann habe ich die gefragt, was für sie typisch lettische Musik ist.

Und wie klingt das Ergebnis, Deine Komposition?
(überlegt) Schwierig zu beschreiben. Sie hat drei sehr unterschiedliche Charaktere. Der erste Satz ist sehr rhythmisch, er enthält viele ineinander verzahnte Rhythmen, die ja auch auf die »Jazzrausch Bigband« und ihre Techno-Programme abzielen. Im zweiten Satz geht es sehr um das Orchestrale, er ist majestätisch getragen und von der Rhythmik her sehr offen. Der dritte Satz orientiert sich sehr an den poppigen Sachen von Saulius.

Deine »Baltic Suite« wird ja am 8. Dezember auf dem »Baltic Breeze«-Festival in der Black Box uraufgeführt. Wirst Du an diesem Abend auf der Bühne stehen oder im Publikum sitzen?
Mitspielen werde ich nicht, aber wahrscheinlich werde ich vorne stehen und die Band leiten.

Wie findest Du die Black Box?
Die Black Box und ihre kleine Bühne mag ich tatsächlich sehr gern, weil's eben so intim ist. Und von allen Sälen im Gasteig hat die Black Box am ehesten Jazz-Club-Charakter.

Abschließend: Was ist der Gasteig für Dich?
Früher, als ich noch in Freising gewohnt habe, war's ein Konzertsaal, der recht weit weg war. Und dann war er ein zweites Zuhause, vielleicht sogar mehr Zuhause als Zuhause, wenn man hier jeden Tag mehrere Stunden verbringt. Es ist schon weit weg von fremd.

Veranstaltungsdetails und Tickets für das »Baltic Breeze«-Festival gibt's hier sowie auf der Website des Festivals.

 

 



Interview und Text: Anneke de Kemp
Fotos: Viktoria Brandstetter & Florian Stierstorfer (Logo), Rodrigo Luna Stix

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